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Sachbücher

Ludwig Hohl - Die Notizen

Tja, mit diesem Buch hat mein Leben begonnen. Im "Schweizerischen Beobachter", der auch im Haushalt meiner Eltern vorhanden war, habe ich eine kurze Besprechung gelesen, die mich neugierig gemacht hat. Ich habe das Buch dann gekauft und so gelesen, wie ich nur noch die "Ethik" von Spinoza gelesen habe: ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich mein ganzes Leben und Denken darauf ausgerichtet habe. Ich hatte es buchstäblich immer bei mir (wie einen Glücksbringer oder Teufelsaustreiber) und habe oft tagelang nur an einem Eintrag herumgegrübelt. Ich habe zuerst versucht, zu verstehen, was der Text sagen wollte und mich dann gefragt, was dies für mein Leben bedeutet (vor allem dies hat sehr viel Zeit gebraucht und gerade dies habe ich bei keinem anderen Buch mehr so gemacht (mit der bereits genannten Ausnahme)).

Spinoza - Die Ethik

Auch mit diesem Buch hat mein Leben begonnen, aber in einer systematischeren Weise. Ich habe damals wirklich meine ganze Weltanschauung auf diesem Buch aufgebaut und in vieler Hinsicht ist es auch heute noch für mich die Referenz (vor allem das dritte bis fünfte Kapitel über die Zusammenhänge zwischen Gefühlen und dem Denken).

Martin Heidegger - Sein und Zeit

Wahrscheinlich das spannendste Buch, das ich je gelesen habe: so etwas wie ein Krimi über das eigene Leben, die eigene Situation. Im Gymnasium bin ich einmal sogar zu spät in den Englischunterricht gekommen, weil ich so ins Lesen versunken war. Mindestens so sehr wie die philosophischen Aspekte fasziniert mich auch heute noch der Sprachgebrauch, der versucht, die erkannten Strukturen in denjenigen der Sprache zu spiegeln. Mein ausbildungsmässiger Höhepunkt war sicher meine Philosophie-Mündlich-Abschlussprüfung über "Das alltägliche Selbstsein und das Man" (bei Pirmin Meier). Am wichtigsten für mich ist das bereits erwähnte Kapitel und der Teil über die "Konstitution des Da" (Befindlichkeit - Verstehen - Rede).

Martin Heidegger - Wesen und Begriff der physis (in "Wegmarken")

Neben "Sein und Zeit" mein Lieblingstext, den ich sicher acht bis zehnmal mit gleichbleibender Faszination gelesen habe. Für mich nicht nur ein denkerisches Highlight, sondern auch ein dramaturgisches: einfach unglaublich, wie Heidegger nach und nach Begriffe einführt, übersetzt und in Verbindung bringt, bis die zuerst so vertraut scheinenden griechischen Wörter eine unglaublich präzise erhellende Bedeutung erlangen. Gerade auch darin ein Beweis dafür , dass Philosophie vor allem etwas mit Präzision, Tiefe und Zusammenhang zu tun hat.

Paul Ricoeur - Die Interpretation

In Marcel Prousts "Sein und Zeit" macht der Protagonist am Sonntag jeweils mit seiner Familie einen von zwei verschiedenen Spaziergängen. Diese führen jeweils an unterschiedlichen Häusern und Familienanwesen vorbei und geben schlussendlich dem ganzen Werk seine Strukur. Daran fühle ich mich erinnert, wenn ich an "Die Interpretation" denke, weil ich zur gleichen, für mich entscheidenden Zeit die "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" von Freud und die "Ethik" von Spinoza gelesen habe. Daraus haben sich für mich zwei Interessenstränge ergeben (Psychologie/Psychoanalyse als "betreffender", schockierender, verletzender, dekonstruktiver und Philosophie als abstrakter, distanzierender, konstruktiver Zweig). Genau diese beiden Seiten werden aber in diesem Buch ausgeführt (anhand von Freud und Spinoza!) und zu einer faszinierenden Sicht vereint ("Die Archäologie des Unbewussten und die Teleologie des Geistes").

Jacques Derrida - Grammatologie

Nicht nur für mich ein wichtiges Werk, das bereits vorhandene Gedankengänge (Heidegger, Freud) vertiefte und fortführte. Für mich eine echte Knacknuss (ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich einen Satz einfach nicht verstehen konnte und darüber so wütend wurde, dass ich spazieren gehen musste, um mich abzuregen. Naturgemäss habe ich dann beim Spazieren plötzlich doch noch begriffen, worum es ging.

Günter Thomas - Medien Ritual Religion; zur religiösen Funktion des Fernsehens

Vielleicht seit "Sein und Zeit" für mich das spannendste Buch, wenn es darum geht, die Augen für DIE SITUATION zu öffnen. Ein Interpretationsansatz, der zu oft bloss metaphorisch gebraucht wird, wird hier bis in die letzten Konsequenzen hinein durchdacht und systematisiert, dass es mich angesichts der konkreten Einsichten schlicht umhaut (ich habe wahrscheinlich noch nie in ein Buch ein so langes Register mit Verweisen auf bemerkenswerte Stellen hineingeschreiben). Ein Buch, das eigentlich jeder lesen sollte und das weit über die Medientheorie hinaus in eine Analyse der zeitgenössischen condition humaine führt. Für mich war besonders spannend, dass ich das Buch in diesem superheissen Sommer 03 gelesen habe: ich bin zweimal pro Woche zur Arbeit nach Bern gependelt, was mich wie schon lange nicht mehr mit dem "normalen Leben" in Kontakt gebracht hat. Obwohl ich am liebsten ein Dutzend Zitate bringen würde, hier nur der Name eines Kapitels: "Die Inszenierung der Einheit und die Ausdifferenzierung der Entdifferenzierung"...

Literatur

James Joyce - Ulysses

In meiner Gymnasiumszeit war ich derartiger Ulysses-Fanatiker, dass mein damaliger Übernahme "Bluemi" in "Bloom" umgewandelt wurde. Eines der grossen Leseerlebnisse, niemand denkt nach der Lektüre noch gleich über Stil wie vorher. Ich wünschte mir, mehr Bücher wären so sorgfältig ins Deutsche übertragen worden (z.B. Flaubert). Heute interessiert mich diese Literatur eigentlich weniger. Meine Lieblingskapitel: Irrfelsen ("Der Superior"), Sirenen ("Bronze bei Gold"), Cyclop ("Ich war just so amgange"), Nausicaa ("Der Sommerabend"), Ithaka ("Welche parallelen Wege") und Penelope ("Ja weil er").

Marcel Proust - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Im Gegensatz zum Ulysses für mich heute noch faszinierender als beim ersten Kontakt. Eine Leseerfahrung die immer weitergeht, reift, sich mit anderen Erfahrungen verbindet. Wenn ich nur ein Buch empfehlen dürfte, wäre es dieses.

Robert Walser - Geschwister Tanner

Auch ein Buch, das ich während der "Wendezeit" 1984/85 gelesen habe und das mich durch sein Vorleben von Direktheit, Wahrhaftigkeit und bedingungslosem Zu-Sich-Selbst-Stehen sehr beeindruckt hat. Vor allem der Anfang war für mich sehr wichtig, wo sich Simon für eine Arbeit vorstellt und sich rigoros weigert, Zeugnisse vorzulegen: diese wären bloss Medien, Pseudo-Sicherheiten, Stellvertreter, etc. also alles Dinge, die dem direkten, unbändigen Hier-und-Jetzt-Sein im Wege stehen. Das Buch war (neben den "Notizen") einer der Gründe, weshalb ich meine Maschinenzeichner-Lehre aufgegeben habe, um ans Gymnasium zu gehen: es hat mich darin ermutigt, an die eigenen Ansprüche ans Leben zu glauben und nicht an die Kompromisslerei.

Dieter Kühn - Auf der Zeitachse

Ein Buch das depressiv machen kann: so gute Literatur hat es früher mal gegeben (1980)! Schreiben als Total-Aktivität. Form ist hier nie zufällig oder gegeben, sondern entsteht Satz für Satz aus der Auseinander-Satzung mit der Textur der Inhalte. Jede der vier Erzählungen hat einen anderen Ansatz, eine andere Grundstruktur und einen anderen "Sound", was das Lesen spannend und erfrischend macht: verhält sich zum Lesen durchschnittlich-guter Gegenwartsliteratur etwa wie Baden in einem See zu Badende-im-Fernsehen-sehen...
Natürlich nur noch antiquarisch zu erwerben...(zvab)

Dieter Kühn - Unternehmen Rammbock; Planspielstudie zur Wirkung gesellschaftskritischer Literatur

Ein ebenso intelligentes wie witziges Buch. Thema ist neben der Wirkung gesellschaftskritischer Literatur gewissermassen das ganze Drumherum beim Schreiben, alles, was die allgemeine Anlage eines Textes betrifft bis in die einzelne Formulierung hinein: weshalb so und nicht anders? Ein Autor - im Niemandsland zwischen Fiktion und Fakt - versucht auf verschiedene Arten etwas zu bewirken, macht sich Gedanken über die optimale Anlage und Stossrichtung eines Textes, ob er vielleicht lieber ein Radiofeature oder Hörspiel schreiben soll oder sogar etwas fürs Fernsehen. Dort kommt dann auch meine absolute Lieblingsstelle, wo er sich vorstellt, wie seine Sendung dann wahrgenommen wird (lesen). Das weite Feld zwischen Naivität und Resignation abtastend wird hier Sprache, Literatur aber auch Artikulation überhaupt unter die Lupe genommen, wie ich das vorher noch nie gesehen habe. Ein unglaublich waches, schlaues und doch auch vergnüglich zu lesendes Buch: Pflichtlektüre! (zvab)

Dieter Kühn - Die Präsidentin

Ebenfalls (und eher noch mehr) Pflichtlektüre: hier geht es ums (leere) Zentrum der Gegenwart: Wirtschaft und wie sie "gemacht" wird. Mit einem Blick, der so analytisch ist, wie ichs kaum je vorher erlebt habe, wird hier bis ins Detail der Ablauf von Finanzbetrügereien ausgebreitet; wobei schnell klar wird, dass hier die Grenzen fliessend sind wie kaum in einem anderen Gebiet... Dabei werden viele Zusammenhänge klar und es entsteht ein "spannendes" Gesamtbild der Kräfte, die die Wirtschaft und damit unser tägliches Leben bestimmen.
Immer wieder im Zentrum: die Sprache und wie Formulierungen, ja kleinste Details von Formulierungen Realitäten schaffen (von denen dann profitiert werden kann...). Dabei ist das Buch keinesfalls trocken, sondern behält trotz allem einen erzählerischen Grundimpuls, ja ab und zu liefert Kühn sogar Kapitel, in denen er bewusst eine durchschnittlich-erzählerische Haltung ausprobiert... und damit nur klar macht, was das kostet und bringt! (gerade dieser Wechsel zwischen Perspektiven bringt mir persöhnlich mehr Einsichten als lange Abhandlungen: da werden in direkter, sinnlich erfahrbarer Weise ganze Weltanschauungen plötzlich plastisch)
Insofern muss man sich wirklich fragen, ob die allmächtige Ausbreitung der Wirtschaft in alle Belange der Lebens (genauer: die monetäre Kosten/Nutzen-Rechung als Leitunterscheidung der Gegenwart) und die Selbstverständlichkeit des Erzählerischen in der gegenwärtigen "Literatur" ("unsere tägliche Geschichte gib uns heute und vergib uns unsere Geschichtslosigkeit") nicht gemeinsame Wurzeln haben...? Ein Begriff wie "Lesekonsum" bedeutet hier nur einen Kurzschluss des Themas, da das Phänomen einer genaueren Ausarbeitung würdig ist.
Ich möchte dies keinesfalls ins Zentrum meines Leseinteresses stellen, halte dieses Buch aber zusammen mit "Medien Ritual Religion" von Günter Thomas für die wichtigsten "Reiseführer" durch die Gegenwart als Gegenwart (aber natürlich sind Bücher wie "Sein und Zeit" etc. viel aktueller, da existenzieller (und genau dies muss halt immer und immer wieder betont werden)).

über Musik

John Corbett-Extended Play. Sounding Off from John Cage to Dr. Funkenstein

Bücher über Musik/er/Innen zu lesen gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, wahrscheinlich weil Musik und Klänge so vielfältig und vieldeutig sind, dass es immer spannend ist, etwas über fremde Sichtweisen zu erfahren. Auch ist Musik für mich immer mehr als "nur" Musik und über dieses Mehr zu lesen/in dieses Meer einzutauchen ist für mich oft sehr lustvoll. So kann ich mich an viele Momente erinnert, an denen ich aus diesem Buch aufgeblickt und die Umgebung wieder wahrgenommen habe, und sie fühlen sich sehr, sehr erfüllt an (ich kenne fast keine intensivere Art, in einen Ort einzutauchen, als dort zu lesen - und das gilt vielleicht für Bücher über Musik fast noch mehr). Das Buch bietet eine Vielfalt von Texten über eine Vielfalt von Musik (das ist eigentlich schon eine der wichtigsten Aussagen und Qualitäten des Buches, dass es diese perspektivische Breite hat) und hat mir viele Entdeckungen beschert. Meine Lieblingskapitel: "Brothers from Another Planet: The Space Madness of Lee "Scratch" Perry, Sun Ra and George Clinton", "Free, Single and Disengaged: Listening Pleasure and the Popular Music Object" und "Ex Uno Plura: Milford Graves, Evan Parker and the Schizoanalysis of Musical Performance"

Ekkehard Jost - Europas Jazz

Für mich schlicht das beste, präziseste und kenntnisreichste Buch über Freie Improvisation. Jost hat einen ähnlichen rezeptionsästhetischen Ansatz wie ich, aber ein viel umfangreicheres Wissen und dazu bewundernswürdige sprachliche Fähigkeiten. Die Beschreibungen von Musik in diesem Buch sind Welten besser als alles andere (ich kenne natürlich einige gute Bücher über Musik, aber kaum welche, die überzeugende Beschreibungen von konkreten musikalischen Vorgängen bieten). Das Schreiben über Musik erinnert mich immer ein bisschen an die Beschreibungen des Ozeans in "Solaris" von Stanislav Lem: in beiden Fällen handelt es sich offensichtlich um Phänomene, die grösser sind als die Sprache und der Geist. Jost schafft das Unmögliche und zwar auf eine Weise (nämlich über Rezeptionsästhetik und Gestalttheorie), die dem Gegenstand angemessen ist (worauf ist man beim Improvisieren ausgerichtet?). Ausserdem nähert er sich unterschiedlicher Musik auch unterschiedlich an und trägt damit der Vielfalt des Phänomens Rechnung. Hier noch ein paar meiner Lieblingsformulierungen: "gestalthaft organisierte Klangbögen"; "psychomusikalisches Beziehungsgefüge"; "Netzwerke von kürzelhaft aufeinander bezogenen Floskeln und Phrasensegmenten"; "Überlagerung kontrastierender Klang- und Bewegungsmuster"; "rhythmische Konfliktbildung"; "instabile Klangflächen und Bewegungsclusters"

David Toop - Ocean of Sound

Musik und Sound sind immer auch etwas Esotherisches, weil sie viel grösser sind als wir. Die Art, wie David Toop damit umgeht, gefällt mir sehr: was er hört, nimmt er sehr ernst und folgt den Fluchtlinien, auch wenn diese in die eigenartigsten Gebiete unserer Kultur führen. Sicher ist das Buch etwas geschwätzig, andererseits hält es dadurch viele Überraschungen und spannende Verweise bereit; ausserdem lässt es sich darin nur vom eigenen Sound verführen, was mir sehr sympathisch ist. Deshalb kann man sich ein bisschen durch dieses Buch treiben lassen wie man sich von guter Drone-Musik treiben lassen kann: man weiss, dass immer auch mehr da ist, auf das man sich richten/konzentrieren kann.

David Toop - Haunted Weather. Music, Silence and Memory

Das neue Buch von David Toop bietet wie auch schon "Ocean of Sound" eine Mixtur aus persöhnlichen Erinnerungen, Interviews und Überlegungen zu vielen Aspekten des zeitgenössischen Musikschaffens. Je nach Interesse wird man dieses Buch wohl sehr unterschiedlich lesen, ich fand zum Beispiel die Überlegungen zum Thema Erinnerung und zur Rolle der Geräusche extrem spannend, die zweite Hälfte des Buches habe ich aber kaum noch in Erinnerung (!). Trotzdem auf jeden Fall empfehlenswert.

Kodwo Eshun - More Brilliant Than The Sun

Superlustvoll geschriebenes Buch, gewissermassen der Gegensatz von Jost: während dieser versucht, sich auf der neutralst möglichen Ebene an Musik anzunähern, lässt sich Eshun "hinaufbeamen" (was dann auch der Leser kann!). Vom ganzen Fokus her halte ich dieses Buch für sehr wichtig, weil es eine einigermassen kohärente Art findet, den sonic-fiction-Aspekt bedingungslos ernst zu nehmen: oft wenn ich Sound durch Effekte bearbeite und verfremde, denke ich an dieses Buch, weil es dann darum geht, in den konkreten Klängen das noch Unerhörte herauszuarbeiten.
Ausserdem habe ich teilweise sehr gute Musik kennen gelernt (v.a. die "Sonata for Souls loved by nature").

Edwin Prevost - No Sound Is Innocent

Grössere Textsammlung, die mich sehr beeinflusst hat ("Meta-Musical Narratives" waren ein Vorbild für Das alltägliche Selbstsein). Leicht ideologisch, aber möglicherweise kann man eine gewisse Schärfe und eine solche Präzision der durchgehenden Stossrichtung in Texten anders gar nicht entwickeln. Ein sehr wichtiges Buch, weil es die existenzielleren Aspekte des Improvisierens untersucht, sowohl im Sozialen wie auch im Persöhnlichen (Selbsterkenntnis, "the art of being").

Felix Klopotek - how they do it

Sehr spannende Textsammlung mit breitem Fokus. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, finde aber, dass die kürzeren Texte manchmal ein bisschen abfallen. Trotzdem hat er das, was einen hervorragenden Journalisten auszeichnet: es gibt praktisch immer mindestens eine gute Beobachtung pro Text.

Graham Lock - Forces in Motion

Das beste Buch über Anthony Braxton und eines der schönsten und intelligentesten Bücher über Musik überhaupt. Besonders gut gefallen mir auch die menschlichen Aspekte, dass man etwa genau mitbekommt, wie Lock immer tiefer eindringt und von anfänglicher Faszination in ein wirkliches Studium gerät. Auch eine gute Einführung in Braxtons Sprache, bzw. seine Begriffe.

Paul D. Miller - Rhythm Science

Hinter viel klugem Gerede verstecken sich ein paar wirklich spannende Gedanken, z. B "Sampling, DJ culture and the hip-hop zone are founded on ancestor worship". Leider mussten noch ein paar Graphiker damit herumstümpern, was das Ganze noch ambitiöser und damit noch unsympathischer macht (bei MIT Press erschienen!). Die Fallhöhe zwischen Anspruch und tatsächlichem Inhalt ist schon sehr hoch, auch auf der beiliegenden, an sich sehr spannenden CD (einem Remix des Sub Rosa-Archivs) stören mich die Hochkultur- und Freak-Anleihen (Artaud, e.e.cummings, Schwitters, Joyce, Burroughs etc.). Wers zufällig irgendwo sieht solls kaufen, speziell suchen würde ich danach nicht.

Janheinz Jahn - Muntu. Die neoafrikanische Kultur

"In Muntu legte Janheinz Jahn als erster Europäer dar, dass die afrikanische Tradition in all ihren Äusserungen, in Sozialwesen, Kult, Kunst und Kultur, kostbare ethische Werte aufweist und psychologischer ist als die christlich-abendländische Kultur." NZZ
Ein extrem faszinierendes Buch, Pflichtlektüre für jeden, der an "Schwarzer Musik" interessiert ist. Das Zitat von Paul D. Miller hat mir dieses Buch wieder in Erinnerung gerufen, das durch eine sehr ganzheitliche Sicht aufs Phänomen überzeugt und versucht, sich von verschiedenen Seiten und Begriffen her der "neoafrikanischen Philosophie" anzunähern. Wichtig ist der Ansatz, nicht wie in der Ethnologie üblich den "Mann von der Strasse" nach dem Denken und der Philosophie seines "Volkes" zu fragen, sondern die Intellektuellen. Die Art, wie Jahn ans Thema herangeht ist garantiert extrem umstritten, trotzdem machen beim Lesen unglaublich viele Dinge Sinn (zum Beispiel das Paul D. Miller-Zitat), ausserdem scheint das Buch fürs Selbstverständnis afroamerikanische Musiker wie Cecil Taylor sehr wichtig zu sein. Der intellektuellen Qualität entsprechend natürlich nur noch antiquarisch zu erwerben (zvab)...

The Wire

So doof das klingen mag: praktisch nach Jahrzehnten ein Heft gefunden zu haben, das meinen Interessen entspricht, gibt mir ein bisschen das Gefühl, mehr in diese Gesellschaft integriert zu sein. Ich habe dank The Wire sehr viele gute Musik kennengelernt und ab und zu einen guten Text gelesen (die meisten sind halt zu kurz). Andererseits ist es manchmal auch deprimierend, im Bereich experimenteller Musik teilweise die gleichen langweiligen Vorgänge ablaufen zu sehen, wie sie auch gesamtgesellschaftlich zu beobachten sind (z.B. Überbetonung des (wirtschaftlich attraktiven) "Neuen" und "Interessanten"; Heldenverehrung; Schaffung von Mythen und Klischees etc.). Trotzdem finde ich schon nur den breiten Fokus sehr wichtig (immerhin wird durch die Versammlung in einem Heft ein gemeinsames Interesse behauptet) und ich habe eigentlich fast immer ein Exemplar dabei, wenn ich das Haus verlasse.

The Sound Projector

Natürlich muss ich auch noch dieses, meiner Meinung nach beste Heft über Musik erwähnen. Erscheint nur einmal im Jahr und hat genau die Vorteile, die das erwarten lässt. Die Texte sind offensichtlich nicht unter Zeitdruck entstanden, sondern können teilweise sehr in die Breite gehen, auch mal Autobiographisches enthalten und bieten oft einen musikfreakigen, assoziativen, inspirierenden Stil. Die dicken Hefte im futuristischen Schwarz-Weiss-Rot sind Schmöcker, Nachschlagewerke und Fundgruben zugleich. Neu gibt es auch eine Webseite (im Originalstil!).